Pest oder Cholera? Wenn Redewendungen über Leben und Tod entscheiden können ...
Wie man schon in jungen Jahren feststellen kann, gibt es in jeder Kultur und Sprache verschiedene Redewendungen und Sprichwörter, die einen wichtigen Bestandteil der (Kultur-) Geschichte eines jeden Volkes bilden. In Deutschland hatte irgendwann irgendjemand mal die Idee, möglichst viele Sprichwörter und Redewendungen zu erfinden, die scheinbar nichts mit ihrer eigentlichen Bedeutung zu tun haben. Bis heute hat niemand ihr oder ihm gesagt, dass das vielleicht nicht unbedingt die beste Idee war, weil man sich mit Sprichwörtern wie „Willst du lange leben gesund, iss wie die Katze, trink wie der Hund“ bei wörtlicher Befolgung merkwürdige Blicke einfangen kann. Außerdem schreckt man dadurch vor allem Kinder und die Leute ab, die die Sprache lernen. Ich denke ich würde ungern weiter etwas mit einer Kultur zu tun haben wollen, die behauptet, dass den Letzten die Hunde beißen. Ich bliebe da lieber weg, in meinem zu Hause, wo ich vor wildgewordenen Tieren sicher bin. Jedoch gibt es eben diese Dinge in unserem Leben und wir müssen lernen, damit umzugehen.
So auch, wenn uns jemand vorwirft, wir würden wie die Pest stinken. Diese Personen sollten wir lieber wie die Pest meiden oder ihnen die Pest an den Hals wünschen, weil wir sie wie die Pest hassen. Wie die werte Frau Leserin oder der werte Herr Leser sieht, gibt es also einige Redewendungen mit der Pest. Eine Redewendung, die wir aber während der Vorbereitung der Ausstellung besonders häufig hören, kommt aus dem nicht sehr weit entfernten Frankreich, wo 1965 der Politiker Pierre Poujade die Entscheidung zwischen de Gaulle und Deferre mit einer Wahl zwischen der Pest und Cholera verglich. Das warf natürlich zwei Fragen auf: zum einen, welcher der beiden genannten Herren denn welche Krankheit repräsentieren sollte und zum anderen, welche der beiden Krankheiten denn eigentlich schlimmer ist. Die Antworten auf diese beiden Fragen hätten natürlich dazu beigetragen, dass die Franzosen sich hätten leichter entscheiden können, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Wir schauen uns lieber nur die zweite Frage an.
Zunächst gibt es in Deutschland als Vorsorgemaßnahme gegen Cholera für Reisende in Gefahrengebieten eine zugelassene Schluckimpfung, in anderen Ländern sind auch atenuierte Lebendimpfstoffe zugelassen, wohingegen es gegen die Pest nur für Personen, die aus beruflichen Gründen der Pest ausgesetzt sein könnten, eine Vorsorgeimpfung gibt. Diese ist in vielen Ländern noch nicht einmal frei erhältlich. Die eigentliche Infektion mit Cholera erfolgt meist als Folge von Katastrophen und in Gebieten, in denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser nicht gesichert ist. Die Pest hingegen tritt überall auf, nicht nur in Krisengebieten. Sie lebt nämlich in den Nagetierpopulationen auf der ganzen Welt, sogar in Ländern wie den USA, in denen man meinen würde, dass sie so etwas in den Griff kriegen sollten. Somit ist die Pest ein ewiger Begleiter der Menschheit, schon seit etwa 3000 v. Chr. (der bisher früheste gefundene Nachweis der Cholera ist etwa 2400 Jahre jünger). Aber wohin der Mensch eben geht, geht auch die Ratte. Wohin die Ratte geht, geht auch der Floh. Und wohin der Floh geht, geht nun mal auch die Pest. Denn es ist der Rattenfloh, der den Menschen durch einen klitzekleinen Biss ansteckt. Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist nur unter bestimmten Umständen möglich. Bei der Cholera ist sie sehr selten, meist steckt man sich durch fäkalienverunreinigtes Trinkwasser an. Dem kann man aber entgegenwirken, indem man das Wasser abkocht oder anders reinigt, während es sehr viel schwieriger ist, gegen Ratten und vor allem Flöhe vorzugehen. Hinzu kommt, dass nur 15% der Cholera-Infizierten einen tatsächlichen Ausbruch der Krankheit erleben – 85% haben keinerlei Symptome und können ihre Gesundheit und ihre neugewonnene Immunität fortwährend genießen. Pest-Infizierte haben sehr viel weniger Glück.
Die Inkubationszeit der Cholera beträgt 2-3 Tage, die der Pest wenige Stunden bis mehrere Tage. Wenn man nun erkrankt, sterben unbehandelte Pestpatienten je nach Erscheinungsbild mit einer Wahrscheinlichkeit von 30-100%. Unbehandelte Cholerapatienten hingegen sterben mit einer Wahrscheinlichkeit von 20-70%. Bei beiden sinkt die Letalität während einer Behandlung und bei früherer Diagnose drastisch, bleibt aber bei der Pest noch immer erheblich höher. Die Symptome sind bei der Pest entweder unschöne Beulen mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Bewusstseinsstörungen, eine Sepsis mit Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und inneren und äußeren Blutungen, die Lungenpest mit Atemnot, Husten, Blaufärbung der Lippen, schwarz-blutigem Auswurf und Kreislaufversagen oder eine einfache abortive Pest mit leichtem Fieber und leichter Schwellung der Lymphknoten. Cholera verursacht Brechdurchfall (wegen der Farbe auch „Reiswasserstuhl“ genannt) und später zu Flüssigkeitsmangel und Benommenheit, Verwirrtheit, Koma, Hautausschlag und Komplikationen wie Entzündungen oder eine Sepsis. Welches der beiden Krankheitsbilder schlimmer ist, muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich finde beides ein wenig hinderlich.
Die Behandlung selbst ist für die Pest nur durch eine zehntägige Therapie mit Antibiotika möglich. Cholera lässt sich sehr leicht und kostengünstig durch eine Trinklösung oder die intravenöse Zufuhr von Flüssigkeit, Zucker und Salzen behandeln. Antibiotika sind nicht notwendig, sie werden lediglich als Unterstützung und zur Verringerung der Infektiosität benutzt.
Also Kinder, was lernen wir daraus? Am besten ist es natürlich, wenn man beide niemals abbekommt. Dass das aber nicht immer so funktioniert, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat, sehen wir an diversen Beispielen in der Geschichte. Was ist also schlimmer, die Pest oder die Cholera? Das ist nun wirklich nicht sehr schwierig: Die Pest ist schlimmer. Es kommt eben alles, wie es kommen soll. Aber man soll bekanntlich nicht den Tag vor dem Abend loben, es soll nämlich nicht heißen, dass Cholera nicht schlimm ist, aber die Pest ist schlimmer, das muss jeder wissen. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Und obwohl beides heilbar ist, ist die Pest das nur mit Antibiotika. Und gegen sie steigen langsam die Resistenzen. Also sollten wir nicht länger im Dunkeln munkeln, sondern Flöhe fangen. Aber jetzt hab´ ich mich wieder festgequatscht. Bis die Tage! – oder besser gesagt: Ende gut, (noch nicht) alles gut.
Matthew Becker, Praktikant